Ein Sonntag im April mit Flash Boonen und seinen Freunden

Ein melodramatischer Soundtrack – klingt nach: Herr der Steine

Die besten Superheldenzitate aus der fahrenden imperialen Kommandozentrale (mit Wilfried Peeters und Tom Steels) von Omega Pharma Quickstep:

“Look, he’s doing 55 kph now.”
“Soon those guys from ‘Sky’ will start to fall back, they can’t keep on chasing you.”
“Zip up your shirt and enjoy.”
“He’s still doing 52 kph, unbelievable.”

Erinnert ein bisschen an:

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Guck, was du guckst

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Ich kenne Skispringen nur aus dem Fernsehen. Ein dürrer Typ mit Dachlatten sitzt in Superheldenkostüm auf einem Alubalken und pustet durch, stößt sich ab, schleicht auf einer weißen Rampe abwärts, stößt sich wieder ab, macht sich auf den Dachlatten breit und beginnt zu fliegen, landet irgendwo nah einer animierten roten Linie, macht einen Knicks, breitet die Arme aus, rudert mit den Dachlatten, geht in die Hocke, schnallt die Dachlatten ab, winkt, tritt gut gelaunt ab. Einblendung: Weite, Performance: 17,9; 18,2; 17,8; 18,3. Sehr aufschlussreich. Ab, der Nächste, bitte. Niedlich. 

Ich habe in meinem Leben viele verkaterte Wintersonntage vor dem Fernseher mit Skispringen und Fastfood verbracht und erklärte mich stets mit der Berichterstattung einverstanden. Ein glänzender, harmloser Zeitvertreib. Ich war fertig mit dem Sport, als ich erstmals in Innsbruck von der Autobahn aus wahrhaftig eine Skisprungschanze sah. Die Dinger sind so hoch wie der Kölner Dom und so steil wie ein Strommast. 26 im TV debil konsumierte Tourneen hatten mich nicht im Entferntesten ahnen lassen, was da wirklich läuft, wenn sich ein 50 Kilo Typ 120  Meter hangabwärts wirft. Wie muss es sein, wenn du unten stehst als Zuschauer und du alle 2 Minuten darauf wartest, dass das Männchen, dass da anderthalb Fußballfelder entfernt mit fast hundert Sachen beschließt, Selbstmord zu verüben, genau auf deinem Kopf landet? Ziemlich cool.

Das Fernsehen ist am Skispringen gescheitert. Es unternimmt keine Versuche, uns näher ans wahre Ereignis ran zu bringen und offenbar stößt es an seine Grenzen. What you see is what you get.

Wir haben uns auch an die Television des Radsports gewöhnt. Hubschrauber und Motorräder liefern Bilder, die uns im Wechsel zwischen Totale und Hautnähe über Stunden zu fesseln vermögen. Das reicht auch, denn die sportliche Auslese eines Radrennens liefert per se unmittelbar die nötige Spannung. Unschätzbar wertvoll ist der fachkundige Kommentar und die Jungs von Eurosport machen fantastische Arbeit. Das Paket stimmt.

Wer jedoch in Erwartung eines rasenden Pelotons an der Strecke steht und elektrisiert mit weißen Handknochen das Begrenzungsgitter zusammenpresst und dann Führungsfahrzeuge mit quietschenden Reifen in Innenstädte hineinjagen sieht, der wird um eine weitere Dimension des Radsports bereichert: Geschwindigkeit. Wer die hupende und blinkende motorisierte Vorhut des Fahrerfelds einschießen sieht ist nicht bereit zu glauben, dass sie vor Menschen flüchtet, die mit Menschenkraft eine solche Geschwindigkeit zu erzeugen vermögen. Bis zu dem Moment, an dem sie vorbeischießen. Ein mit 65 Sachen durch die Kurven einer verwinkelte Altstadt schwankendes Polizeiauto wirkt seltsam überfordert. Ein jagender Schwarm von 180 Körpern auf Fahrrädern dahinter erscheint unwirklich und bizarr. Es überschreitet unsere Vorstellungskraft von menschlicher Mobilität.

Paris-Roubaix ist auch deshalb ein Mythos, weil niemand glauben will, dass sich Radfahrer mit Muskelkraft auf Wegen, die für Kutschen und Ackergäule gebaut wurden, so schnell fortbewegen können. Um es in eine moderne verkehrspolitische Message zu packen, könnte man anhand des Rennens behaupten: Nichts bewegt dich schneller als ein Rad.

Die Regie des Fernsehens lebt im Radsport von der Inszenierung der Dramaturgie von Jägern und Gejagten. Ein Fan mit seiner DigiCam erreicht mit seiner statischen Aufnahme die nächste Dimension. Er hält das Gerät auf den heiligen Boden des Waldes von Arenberg und harrt der einfliegenden Gruppe des Tages. EINE Einstellung, EIN Moment im Rennen. Sie fliegen vorbei. Man sieht den kranken Belag, das Tempo ist Irrsinn. Es ist intensiver als Fernsehen. Es ist seltsam echt.

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Sind wir nicht alle Kannibalen?

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Tom Boonen, Paris-Roubaix 2005

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2008

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2009

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2012

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Tom Boonen schloss am Ostersonntag ohne Handschuhe einen 53 Km langen, entfesselten Soloritt im Velodrom von Roubaix mit seinem 4. Sieg durch die Hölle des Nordens ab. Damit zog er mit dem bisherigen Rekordhalter, seinem Landsmann Roger de Vlaeminck, gleich.  

53 Km alleine entfesselt durch die Felder fahren? Klingt nach Training am Dienstag. Wie oft schon bin ich ohne Plan und Tacho in sicherer Erwartung eines Pflastersteins vor einer Meute Geister hergejagt und habe dem Pack anderthalb Minuten gegeben? Mit einem Rad aus Aluminium und Beinen aus Titan? 1000 Mal. Nur selten zerschellte mein Traum an einem aus meinem saugenden Windschatten herauskriechenden Masters 6 Wrack mit zerschlissenem Kelme-Langarm, peinlich zur Schau gestelltem Ehrgeiz, einer 30er Kadenz, Baumwollbibs und Holzhelm auf einem Holzrad. Es siegt nicht immer der Stärkste. Sind wir nicht alle Kannibalen?

2010 nutzte Fabian Cancellara 49 Km vor der Linie einen schwachen Moment Boonens, der sich am Ende der Spitzengruppe sorglos verpflegte. Er dampfte mit seiner Vespa ab und zementierte Boonens Bruder-Leichtfuß-Image. Och Tommeke, urteilten die Belgier mitleidig, du wirst wohl niemals erwachsen. Seit 10 Jahren hält er sie als ewiges Talent in Atem, jetzt haben sie ihren Frieden geschlossen. Auch wenn das Urteil des Kommentators in Anbetracht aller Erfolge scheinbar mager ausfällt ist es für Boonen und Belgien eine Erlösung: “Das Tommeke ist jetzt, nach diesem Auftritt, verdammt nochmal, ein riesengroßer Tom geworden.” D’accord. Hell yeah!

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Prins Tommeke und Prinz Peng

   Foto: Paul Raats von hier

Was Lukas Podolski für die Stadt Köln ist Tom Boonen für den Landstrich Flandern. Beide sind so unvollkommen wie unantastbar. Selbst wenn sie sich in ihren heimatlichen Gefilden der gottgleichen Verehrung gewiss sein können, ist es der menschliche Makel, der den um sie entfachten Kult begründet.

Als Podolski zum Poldi wurde, war Boonen längst Tommeke. Johan Musseuw, der Löwe von Flandern, hatte ihn zu seinem Nachfolger erkoren und ihm eine rosige Zukunft vorausgesagt. Der damals noch picklige Fußballer aus Bergheim machte für den FC ein paar Buden im Abstiegskampf und war schnell der neue Overath. Boonen gewann Rennen und sie nannten ihn Tornado Tom, Podolski schoss das Tor des Monats und wurde Prinz Peng.
Es waren die kleinen Malheurchen, die ihren royalen Aufstieg bremsten. Poldi ging zu Bayern, bah, spielte zu oft lustlos, als er zurückkam, hatte keinen Interviewcoach, langte dem Ballack eine und fuhr immer zu schnell Auto - einmal sogar einer Familie mit Kleinkind hinten rein. Flandern ist größer als Köln und dementsprechend, äh, weltmännischer waren auch Toms Eskapaden. Er schrottete seinen Lamborghini, als er einer Katze auswich (man munkelt, sein Kater war Schuld dran). Er wurde zweimal an der Schneekanone erwischt und nahm sich nach dem unter Radprofis beliebten Amstel Gold in Curacao eine 16jährige Freundin – die Tochter des Rennveranstalters.

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Beide Prinzen eint eine entwaffnend sympathische Volksnähe, die sie sich auch nicht nehmen lassen, wenn’s mal nicht so läuft. Poldi ist mit Mitte 20 Präsident des Traditionsvereins Bergheim 2000, Tom veranstaltet jährlich in seinem Heimatort Balen ein geselliges Grillfest mit Ausfahrt, Bier und Kokain.  

Poldis Palmarès in Köln ist schnell gelesen. Er schießt alle vier Wochen das Tor des Monats und jagt mit seinem Wagen Rentner auf dem Kölner Ring. Fußball ist halt ein Mannschaftssport und du richtest nicht viel aus, wenn dein linker Verteidiger nach der Karnevalsfeier lallend versichert, er nehme die Bahn, um dann mit seinem BMW das Schienennetz der Kölner Verkehrsvertriebe zu nutzen.  

Tom Boonen hat in seinem Sport mehr erreicht. 2005 gewann er seine erste Flandernrundfahrt, Paris-Roubaix und die Weltmeisterschaft. Um gleichzuziehen hätte Podolski 2006 mit dem FC das Double und in Deutschland die WM holen müssen. Ist irgendwie nicht passiert. Es ist Boonens Lebenswerk, dass jeder Belgier zwischen Nordsee und Eifel in seiner Bude einen Klick-Laminat Boden aus dem Hause Quick Step verlegt hat. Podolski ist mit seiner Solar-Energie Werbung (“isch bin mal tanken”) auf einem guten Weg, aber noch nicht ganz so weit. Nachhaltigkeit verlangt Zeit. 

Nach nun zwei mageren Jahren hat sich der Prinzennimbus der beiden Athleten etwas abgenutzt. Tom gewann in Katar ein paar Etappen, hatte bei seinen geliebten Klassikern entweder Pech oder Cancellara, was auf’s Selbe hinausläuft. Poldi schoss gegen England eine Bude für die Geschichtsbücher. 2012 wollen beide endlich König werden. Lukas Podolski im Sommer als Europameister bei Arsenal London. Tom Boonen hat vergangenes Wochenende zum dritten Mal die Flandernrundfahrt gewonnen. Er ist zurück und wird wohl heute Nachmittag in Roubaix seinen vierten Pflasterstein für die Garageneinfahrt seines Lambos entgegen nehmen.

                Foto von hier

Die Flandernrundfahrt ist schnell abgehakt. Sie haben die Muur von Geraardsbergen aus dem Rennen genommen, das – um beim Fußball zu bleiben – Wembley des Radsports, was ich ihnen nicht verzeihen kann. Die Ronde ist damit zu einem Ausscheidungsfahren a la WM geworden. Ich fand die Landesverbandsmeisterschaften 2010 in Attendorn genauso prickelnd. Nein, aufregender, denn Thomas Jablonski, Kapitän des glorreichen ASV Hartsattel Tauberriemen, wurde damals im Regen bester C-Fahrer in Nordrhein-Westfalen. Ein Titel, der auch Podolski als Verkehrsteilnehmer gut steht: Bester C-Fahrer in Nordrhein-Westfalen.

Der folgende Clip zeigt die zusammenfassung des Finals der Flandernrundfahrt 2005. Ein Grüppchen um Boonen, Erik Zabel und Andreas Klier ist weg, als Tommekes Stern aufgeht. Ein schöner Sieg, aber nicht so schön wie Zabels Interview auf niederländisch so gegen 3:42 des Filmchens. Chasing Legends!

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Buy, Buy Happiness


Thx Flo

Zu Risiken und Nebenwirkungen bei der Anschaffung eines Stückchens Glück hält dieser Leitsatz nichts bereit. Wo selige Zufriedenheit herrscht, sind Neider nicht fern. Ein neuer, makelloser Partner aus Stahl, Titan, Aluminium oder Kohlefaser sorgte stets für Schmetterlinge im Bauch, nicht selten aber auch für Eifersuchtsdramen. Diese dunkle Seite der Macht besangen die Everly Brothers bereits 1957 in ihrem Klassiker: “Bye bye Love, buy buy  Happiness, hello loneliness, I think I’m gonna cry”. Tränen der Freude natürlich. Tränen der Freude.

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Hach, Profis…

Tour Down Under, Tour de San Luis, Tour de India II, Katar-Rundfahrt, im Oman wird auch getreten. Auf der WorldTour ist ab Neujahr immer überall Sommer. Es sei den Großen gegönnt, schließlich stehen die Räumfahrzeuge in Belgien schon Spalier, um sie willkommen zu heißen. Bis dahin kriegt Andre Greipel sein Wettkampfoutfit locker im Kulturbeutel untergebracht. Der neue Einteiler, präsentiert auf diversen Podien der Tour Downunder, bedeutet der Konkurrenz eindrucksvoll, dass “Beinpresse” keine an Spätburgundersoße gereichte Fleischspezialität aus der Südpfalz ist.

 Foto: Roth (von hier)

Die gemeine Jedermann-Milbe hierzulande hingegen besinnt sich auf erzkonservative Werte und begegnet dem hiesigen Vorfrühjahr nicht mit Mallorca, sondern dem sibirischen Zwiebellook. Viel hilft viel. Ein Radsportweiser prägte den Satz: “Das Schwierigste am Trainieren ist, sich die Socken anzuziehen.” Ich finde, das Schwierigste am Trainieren im Winter ist, durchzuhalten, bis man das Rad aus der Einfahrt hat. Ich trinke vor dem Ankleiden einen Espresso und einen danach, denn die Wirkung des ersten ist dann bereits verpufft. Eishockeyspieler würden sich wie Beachvolleyballerinnen fühlen, müssten sie mir bei der Trainingsvorbereitung zusehen. Worst Case: Du hast 12 cm Thermo aufgetragen und machst dich auf Schuhplatten im überheizten Haus auf die Suche nach der Pumpe, die dein Sohn - lustig – in seiner Playmobilburg als Geschütz verbaut hat. Ich will nicht jammern, warum auch, ich hatte am Gartentor schon 3000 Kalorien verbraucht.

Kurzum: Ich verfüge über ein todsicheres Ensemble, dass mich bei Temperaturen unter 5 Grad mollig wie eine Gebärmutter durch die Voreifel bringt. Andre würde jetzt kontern: “Ich habe ein Ensemble, dass mich Mitte Januar bei 26 Grad plus durch Melbourne bringt und ich schäme mich, weil ich denke, ich wäre nackt.”

Wie auch immer: Hier ist mein Zeug:

Kurz nach der Geburt getrennt

Eddy Merckx

Bild von hier

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Frohe Weihnachten!

Sündigt, aber sündigt in Maßen. Unsere Zeit kommt wieder.

Pavé in Tüten

 

Pavé

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Kurz nach der Geburt getrennt

 Spartacus (Foto von hier)

 John JAMES Rambo (Foto von hier)

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Bastel dir ohne mit der Wimper zu zucken ein billiges Plagiat und werde trotz Urheberrechtsverletzung Europabeauftragter für radsportrelevante Stilfragen

siehe auch Glühwein an Eigelb im Zuckerbett unter Wollhaube

Das Objekt der Begierde sitzt auf seinem Kopf.

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Schritt 1: Finde in Deinem reichhaltigen Fundus ein getragenes Renncappie und eine ausgediente Wollsurrogathaube aus der Zeit, als Dein Taschengeld entschied, dass Du Wert auf Modisches legst, nicht auf Performance (z.B. Hansi & Manfred, Winterkollektion 1994, DM 6, 90)

Schritt 2: Bekenne Dich zu Deinem Teamoutfit und dem Leitsatz “trage nur Profiklamotten, wenn Du auch dafür bezahlt wirst.” Besitze Profi-Assessoirs, um Idolen wie Christian Knees oder Bradley Wiggins insgeheim zu huldigen, aber um Himmels Willen, werde nicht blasphemisch und spiele nicht mit dem Gedanken, sie auf der Straße zu tragen. Für’s gekonnte Plagiat geht das aber in Ordnung. 

Schritt 3: Nutze das Werk der Designer (Balken blau auf Schirm schwarz). Tu nicht so, als hättest Du Pay-TV. Punkte mit Understatement. Setz’ die Mütze auf.

Voila! Du bist ein Styler. Setze Deinen Glanz klug ein. Verfahre wie bei einem Truppenbesuch in Kundus. Komme aus dem Nichts, sehe gut aus, wähle einen Ort, der Dir Aufmerksamkeit beschert und verschwinde so schnell, wie Du gekommen bist. So wirst Du zur Stilikone und niemand wird merken, dass Du billig abgekupfert hast.  

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